Die Reise ist zuende

Wir sind wieder zuhause, diesmal fahren wir auch nicht noch einmal los. Nachdem wir die White Cliffs of Dover noch einmal (nicht wirklich) gesehen haben  und noch einmal durch die Nacht quer durch Belgien und Norddeutschland gefahren sind, ist unser Abenteuer nun endgültig zuende.

die White Cliffs im Nebel, alles war weiß. aber auch das ein beeindruckender Anblick, wie die Nebelschwaden vom Wasser aus über die Steilküste geweht werden. Anderhalb Stunden Autofahrt von London entfernt, die Temperatur fiel von 25 auf 18 Grad und es war stürmisch.

Ein spannendes, aufregendes, nie langweilig werdendes Jahr liegt hinter uns. Zu zweit jeden Tag auf engstem Raum, das klappte hervorragend. Wir haben 22 Staaten in den USA, etliche Karibikinseln und 7 Staaten in Europa (und davon außer Wales alle Teile Großbritanniens) bereist, haben vielfältige Verkehrsmittel (Auto, Campervan, Bus, Bahn, Flugzeug, Schiff) benutzt und viele interessante Menschen kennen gelernt.

Die Freiheit, jeden Tag aufs neue zu entscheiden, was wir machen wollen und wohin die Reise weiter geht, das werden wir ganz stark vermissen. Gelernt haben wir, dass Entfernungen sehr relativ sind. Daher werden wir auch weiterhin in kleinerem Rahmen unterwegs sein, denn ein paar Stunden mit dem Auto zu fahren, um etwas oder jemanden interessantes zu besuchen, das hindert uns jetzt nicht mehr.

Ausflug nach Lübeck mit Wetter wie in Nordirland
Ausflug nach Lübeck mit Wetter wie in Nordirland

Wir haben ebenfalls gelernt, bzw. es ist uns wieder neu bewusst geworden, dass wir in einem ganz wunderbar schönen Land wohnen, das viel zu bieten hat, wenn man die Augen ein bisschen anders einstellt. Ausflüge innerhalb Schleswig-Holsteins werden sich auch machen lassen, wenn der Terminkalender wieder durch die Arbeit bestimmt sein wird.

Hier wohnen wir! Blick vom Aussichtsturm an der Globetrotter Lodge (112 Treppenstufen, man kann auch die außenseitige Kletterwand benutzen) auf dem Aschberg (98,4 m über NN)
„Spot the Bismarck!“ -das Denkmal des Reichsgründers, ehemals auf dem jetzt dänischen Knivsberg errichtet, stehr er nun auf dem Aschberg, sehnsuchtsvoll nach Kopenhagen schauend, aber das ist Geschichte.

Außer den Abertausenden von Fotos, die noch sortiert und bearbeitet werden müssen, damit die versprochenen „Diaabende“ auch spannend werden, sind viele künstlerische Projekt mit nach Hause gekommen, die nach und nach verwirklicht oder vervollständigt werden sollen. Eigentlich haben wir jetzt gerade gar keine Zeit, wieder mit der Broterwerbsarbeit zu beginnen. Aber das werden wir wohl müssen. Es kommen ja auch noch viele lange Winterabende in diesem Land, das meint, auf einen anständigen Sommer verzichten zu können. Dann werden wir mit unseren Erinnerungen und Resultaten des vergangenen Jahres  die Sonne in unsere Herzen holen, für die Wärme von außen sorgt dann der Kamin.

unser Motto für die Arbeit: immer 100% geben; könnte allerdings sein, dass wir zu sehr von der amerikanischen Sichtweise beeinflusst werden

Dieser Reiseblog ist jetzt theoretisch auch zuende. Aber das Schreiben hat so viel Spaß gemacht (außer bei unzureichenden technischen Gegebenheiten, wo schon mal ausgiebig und laut geflucht wurde), dass der Blog immer dann weitergeführt werden wird, wenn wir uns wieder auf die (wenn dann auch kürzere) Reise machen werden. Es gibt ja glücklicherweise genügend Ferien bei uns. In der Zwischenzeit machen wir ein echtes Buch aus Papier. Wenn das fertig ist, wird es hier angekündigt. Also, stay tuned, oder am besten abonnieren (follow), dann bekommt ihr automatisch eine Benachrichtigung!
Back to work soon, what a wonderful time did we spent abroad the last year. It was fabulous, amazing, just great! An experience, we definitely want to have again; living together in a tiny space, deciding from day to day how to spent it and where to go next. But it will take some years to realise the next big journey. In the meantime, there will be holidays for doing shorter trips. And the memories stay, memories of all the places we visited and people we met.

Wandern am Regent’s Canal

Summer in the City ist toll, Sommer am Wasser auch, am besten ist es, wenn beides zusammen kommt. Der Regent’s Canal (unter diesem Link gibt es viele weitere Fotos), gebaut in Londons Norden zu Beginn des 19. Jahrhunderts als industrial highway, eignet sich heutzutage besonders für einen Spaziergang. Der Treidelpfad entlang des Kanals hat sich inzwischen von einem Geheimtipp zu einem Naherholungsgebiet entwickelt. Noch bis in die 1960er Jahre wurde der Kanal als „Lastenträger“ genutzt, jetzt ist er „besiedelt“ mit Hunderten von Hausbooten, den narrow boats. Die meisten Menschen, die auf diesen Booten leben, sind so den horrend hohen Mieten in London entkommen. Beim Vorbeispazieren und in der Sonne sieht das Leben auf den Booten ganz pittoresk aus, aber man muss so ein halböffentliches Leben auf engem Raum schon mögen. Und alle sieben bis vierzehn Tage muss man mit dem Boot weiterfahren, um einen anderen Anlegeplatz zu finden. Die Lizenzen für Dauerliegeplätze sind rar und dann auch wieder sehr teuer. 

Dauerliegeplätze, komplett mit Gartenanlagen davor, Terrasse, Grillplatz und was man sonst noch so für ein komfortables Leben braucht
keine Dauerliegeplätze hier, aber Enten zum Beobachten
das linke Boot „zieht, schiebt“ das rechte Boot

Der towpath, der auf der einen Seite des Kanals entlang führt, wird nur dreimal von Tunnel unterbrochen. Dann muss man durch den Ort gehen. Aber auch hier ist der Weg gut ausgeschildert, so dass man auch ohne guidebook, das es natürlich auch gibt, den Kanal gut wiederfindet. Auf diese Weise kamen wir durch Islington, in den 1980ern und 1990ern noch ein Stadtteil, in dem man sich nicht unbedingt freiwillig aufhalten mochte. Inzwischen ist die Gentrifizierung vorangeschritten, sogar der jetzige britische Außenminister Boris Johnson lebt hier (ob er das wirklich noch tut, wissen wir nicht, aber er hat sein Haus noch, falls jemand gucken möchte, Nr. 10 in der High Street, wie uns ein stolzer Bewohner erzählte). 

Chapel Market, Islington
in diesem Pub waren wir nicht, sieht aber schön aus von außen

Das faszinierende auf unserem 14,5 km langen Weg war, dass die Ansicht des Kanals und die wasserseitige Bebauung sich nach jeder Brücke, die wir unterquerten, änderte. Eigentlich hatten wir gar nicht geplant, den ganzen Regent’s Canal entlangzugehen. Aber es war so interessant, dass wir immer noch bis zur nächsten Brücke gingen, um zu sehen, wie es dort aussieht. Und immer mal zwischendurch passierten wir die alten Schleusen, locks. Und da die Hausboote immer mal wieder verholt werden müssen und auch Ausflugsboote den Kanal nutzen, hatten wir öfter Gelegenheit, den Schleusungsprozess zu beobachten. Die Tore waren sehr schwer zu bedienen, alles Handarbeit, und nett anzuschauen, solange wir das nicht selbst machen müssen. 

in diesem Gebäude befindet sich das europäische Hauptquartier von MTV
die Aluminiumfassade glänzt zwar nicht mehr so schön wie zu Beginn 1988, das Gebäude bleibt trotzdem ein interessanter Anblick
in alten Gasometern werden Wohnhäuser gebaut, King’s Cross/ St. Pancrass

Wir fuhren zuerst eine Stunde lang mit der UBahn nach Westen und begannen unseren Weg in Little Venice. Dann ging es zu Fuß immer ostwärts, durch Stadtteile Londons, in denen wir noch nie gewesen sind, z.B. Camden Town, St. Pancrass,  Islington, Tower Hamlets, Haggerston, Hackney, bis wir schließlich in Mile End ankamen. Sehr erschöpft, mit einem leichten Sonnenbrand, Hunger, aber sehr zufrieden mit diesem Erlebnis.

working the locks
London’s only book barge

Experience the Causeway Coast

Die Küste Nordirlands ist einfach wunderschön. Wir sind zweimal am Giants Causeway gewesen, haben aber auch noch andere schöne Ecken entdeckt. Jetzt gibt’s einen kleinen review, diesmal mit Bildern, da das Internet wieder stärker ist und die Fotos übertragen hat. 

In Castlerock steht die Ruine eines Herrenhauses, den der Earl of Bristol und gleichzeitig Lord-Bischof des Bezirks Derry (der Einfachheit halber wurde er Earl-Bishop genannt) im späten 18. Jahrhundert hat bauen lassen. Er liebte es, Gebäude zu errichten. Meistens war er vor Fertigstellung vom aktuellen Architekten genervt und tauschte ihn aus. Oder war plötzlich gelangweilt vom Bauprojekt und startete etwas Neues. Der gute Graf-Bischof muss sehr reich gewesen sein. Eine Marotte von ihm war, den Flur vor den Gästezimmern nachts vor dem Zubettgehen mit Mehl zu bestreuen, damit er am nächsten Morgen sehen konnte, wer im Morgengrauen von welchem Zimmer aus in das eigene geschlichen war.

Downhill House, von vorne; während des zweiten Weltkrieges noch für das Militär genutzt, jetzt verfallen
Downhill House, vom Wasser aus gesehen

Ganz am Rand der Steilküste, etwas entfernt vom Herrenhaus, steht Mussenden Temple. Jetzt von innen leer stehend, beherbergte es auch einmal die Bibliothek. Eigentlich ein sehr unglücklich gewählter Ort, um Bücher aufzubewahren, da es immer feucht und kalt ist. Daher brannte im Untergeschoss stets ein Feuer, Tag und Nacht am Laufen gehalten, damit die Bücher es schön kuschelig und der eifrige Leser es gemütlich hatte, dort draußen, sturmumbraust.

Mussenden Temple
das Bauwerk steht inzwischen wirklich direkt am Abgrund

Portrush ist eine nette Kleinstadt an der Küste, sehr beliebt bei Urlaubern, mit vielen Hotels, hostels und riesigen caravan parks an den Ortsrändern. Uns gefiel besonders das Café The Arcadia, direkt an der Promenade gelegen. Dort, wo heute jeder baden darf (und es auch tat an unserem Besuchstag, denn es sind schließlich Sommerferien und dann geht man baden), war früher der Strand ausschließlich den ladies and children vorbehalten. In den 1950ern bis 1970ern gab es im Arcadia sogar einen ballroom, in dem gern und ausgiebig getanzt wurde. Heutzutage ist das nicht mehr so fashionable. Trotzdem hat Portrush laut Wikipedia den größten Nachtclubkomplex in ganz Nordirland zu bieten. Uns reichte Kaffee und Kuchen an dem Nachmittag aber völlig aus.

The Arcadia in Portrush

Aber die Küste versteht sich auch darauf, sich bei nicht so brillantem Wetter gut in Szene zu setzen:

Ballintoy Harbour


Ballintoy Harbour ist etwas entfernt vom Dorf Ballintoy selbst, man muss etliche Höhenmeter auf schmalen Serpentinenstraßen überwinden, um dorthin zu kommen. Hier wurden früher Kalk und Basalt abgebaut und verschifft. Im Hafen lagen Schoner dicht an dicht mit Fischerbooten, beide Industrien gaben hunderten von Menschen Arbeit. Heutzutage liegen einzelne Freizeitfischerboote dort und die Kalkhöhlen sind spannende Spielplätze für die Kinder.

eines von mehreren Hafenbecken in Ballintoy Harbour
Picknickareal an den Kalkfelsen

Was Ballintoy Harbour aber zu bieten hat, ist Roarks Kitchen, auf den ersten Blick eher wie ein kleiner Kiosk wirkend. Aber in Wirklichkeit ist es ein Café, inzwischen in der dritten Generation betrieben von den Frauen einer Familie. Dort konnte man es sehr gut aushalten, egal wie das Wetter sich draußen gerade gerierte.

Roarks Kitchen, unbedingt eine Empfehlung

das Kuchenbüffet kam unerwartet, und die Tortenstücke passten knapp auf den Teller, so groß waren sie

Das  mutigste war jedoch die Überquerung eines mehr als 30m tiefen Abgrunds auf einer Seilbrücke, um auf die kleine Vogelbrutinsel Carrick-a-Rede zu kommen. Eine sehr viel einfacherere Version der Hängebrücke wurde vor hundert Jahren noch von den örtlichen Fischern genutzt, um ihre Netze zu kontrollieren. Sie befestigten ein Ende des Netzes an Land, ein Ende am Boot und spannten so einen Bogen, um die heran nahenden Lachse abzufischen. Heute gehört der atlantische Lachs zu den gefährdeten Arten, damals wurden allein hier mehr als 100 Fischer beschäftigt. 

Einbahnstraßensystem auf der Hängebrücke, die Knie waren schon etwas wackelig
und dahinten ist schon Schottland zu sehen, ganz rechts das dunkle ist Mull of Kintyre

Insgesamt ist es wirklich grün auf der Insel, sogar das Geld ist grün. Das Problem ist nur, es rechtzeitig vor Verlassen der Insel wieder loszuwerden. Das gelang uns nicht. Und obwohl Pound Sterling drauf steht und überall in GB eingelöst werden muss, wollten sie es bei Sainsbury’s in London nicht annehmen. Niemand im ganzen Laden hatte so einen Geldschein je gesehen. Wer  weiß, was die Touristen aus Deutschland da angeschleppt hatten. Nun müssen wir den Schein bei einer Bank eintauschen. 

Original und Original, aber mal ehrlich, der linke Schein sieht doch wirklich aus wie Monopoly-Spielgeld, oder?

Giants Causeway

Zusammen mit Massen von Menschen („Oh, all these trippers!“) erkundeten wir die faszinierende Causeway Coast, an der man noch viel mehr als nur den Giants Causeway entdecken konnte.

Wie jeder weiß, mögen Riesen keine nassen Füße bekommen. Deshalb bauten sie den Fußweg von Irland nach Schottland. Das ist auch gar nicht so weit, nur ca. 60 km. Eines Tages lief Finn McCool, selbst ein Riese, von Irland aus hinüber nach Schottland. Am Ende des Weges sah er einen riesigen gefährlichen schottischen  Riesen mit einer gewaltigen Keule in der Hand, bekam es mit der Angst zu tun und rannte so schnell er konnte nach Hause zurück. Der andere Riese folgte ihm, die Keule schwingend. Finn schlug die Tür seines Hauses zu. Aber seine Frau war sehr klug. Sie sagte Finn, er solle sich in die Wiege legen, band ihm das Tischtuch als Babyhäubchen um und gab ihm einen Besen als Rassel in die Hand. Als der Riese an die Tür klopfte, machte sie ihm auf, sagte, dass ihr Mann gerade weg sei und bat ihn hinein, um zu warten. Der Riese hörte hinter dem Vorhang laute merkwürdige Geräusche und sah hinein. Dort sah er das riesigste Riesenbaby der Welt in der Wiege liegen. Er überlegte kurz, wie groß wohl der Vater des Babys sein müsste und rannte dann so schnell er konnte weg. Sicherheitshalber zerstörte er auf dem Rückweg nach Schottland mit seiner Keule den Causeway. Deshalb können wir heute sowohl in Nordirland als auch in Schottland nur noch die Reste des Causeway ansehen.

Giants Causeway, well, the rest of it…
derselbe Causeway vom Cliff obergalb gesehen

Stroke City – eine Auffrischung in jüngerer Geschichte

Stroke City ist keine Stadt, in der Herzinfarkte (strokes) öfter als anderswo geschehen, sondern der Spitzname der zweitgrößten Stadt Nordirlands, Derry~Londonderry (wegen des Bindestrichs). Man tut gut daran, immer beide Namen gleichzeitig zu nennen, da man nie weiß, auf welcher Seite der angesprochene steht, auf der Seite Englands oder Irlands. 

Wir haben die walled city, wie die Stadt wegen ihrer Stadtmauer auch genannt wird, besucht, um auf besagter Mauer einmal um den historischen Innenstadtkern zu laufen. Was wir nicht erwartet hatten, waren die Einblicke in die jüngste Vergangenheit des Nordirland-Konflikts, der troubles, wie sie hier genannt werden. Solange ist der Friedensschluss mit der IRA noch gar nicht her, man vergisst das so leicht. Erst 1998 wurde das Karfreitagsabkommen zwischen den Regierungen der Republik Irland, Großbritanniens und den Parteien in Nordirland geschlossen. Hohe Zäune, die die miteinander kämpfenden Seiten trennen sollten, stehen immer noch, zerbombte Häuser und Denkmäler wurden nicht wieder aufgebaut. Und verbohrte Anhänger beider Seiten gibt es auch noch, wie wir auf aktuellen Aufschriften auf Häusern lesen konnten.

Wir haben uns über die Ursprünge in einer Ausstellung in der Guildhall informiert. Zurück geht es u.a. auf den Versuch der Besiedelung Nordirlands mit Engländern und Schotten, nachdem Henry VIII auch König von Irland wurde. Die Iren im Lande ließen sich das aber nicht gefallen. So kam es unter Elizabeth I immer wieder zu Aufständen, die mit Gewalt zurückgeschlagen wurden. Unter James I wurde die planmäßige Aufteilung des Landes und Besiedelung mit Engländern und Schotten (the Plantation of Ulster) richtig in Angriff genommen. Praktischerweise gehörte das Land jetzt ja der Krone, da die vorherigen Besitzer als Verräter getötet oder vertrieben worden waren. Es versteht sich eigentlich von selbst, aus unserer heutigen Warte, dass das nicht auf Dauer erfolgreich sein kann.

Mehr als vierhundert Jahre zurück in die Zeit zu gehen, ist für uns weit weg von unserer Relatität heute. Aber an die ständigen Meldungen in der Tagesschau über die neuesten IRA-Bombenangriffe und die Bilder der Staßenschlachten können wir uns schon erinnern. Und natürlich an den Bloody Sunday, nicht zuletzt bekannt bei uns durch den gleichnamigen Song von U2, an dem im Januar 1972 26 unbewaffnete Zivilisten von britischen Soldaten während eines Protestmarsch gegen die Abriegelung der Stadt erschossen wurden. Die Aufklärung dieses „Vorfalls“ dauerte letztlich bis 2010, im Zuge dessen sich der damalige Premierminister Cameron offiziell im Rahmen des United Kingdoms bei den Opfern entschuldigte. Erst daraufhin ermittelte die Polizei wegen Totschlag gegen die beteiligten Soldaten. 

Wir überquerten auch den River Foyle auf der 2011 eröffneten Peace Bridge, um das umgebaute Kasernengelände auf der anderen Seite anzusehen. Aber da Sonntag war, war auf der Seite nichts los und wir gingen wieder zurück über die Fußgängerbrücke, die wirklich sehr schön ist. 

Auf nach Irland!

Man bekommt ja nichts geschenkt im Leben. Wir haben unsere kommenden „Fahrzeuge“ für die Tour nach Nordirland für günstig gebucht, dann muss man halt Zeit investieren. Morgens um kurz vor 8 Uhr gestartet, um mit der UBahn zum nächsten Busverteilknotenpunkt zu kommen. Eine halbe Stunde warten, dann mit EasyBus zum Flughafen. Zwei Stunden warten, dann zum Boarding.

„Und nun stellen wir uns mal ganz dumm…“ Wir sollten uns an Gate 14 anstellen. Dort warteten schon zwei Schlangen, die eine stand vor dem Monitor, der Gate 14 anzeigte, die andere stand seitlich davon, der Monitor davor zeigte Gate 13 an. Wir stellten uns also in die erste Schlange. Die war auch viel kürzer als die andere. Ganz vorne stand ein Aufsteller, der auf Englisch erklärte, dass die fast boarding passengers links (wo wir standen), die anderen rechts stehen sollten. Bevor wir uns noch wirklich überlegen konnten, ob wir es nicht einfach darauf ankommen lassen sollten (wir hatten nicht dafür bezahlt), waren wir schon an der Reihe. Martina wurde ‚ausversehen‘ eingebucht, bevor die Frau ihren Fehler bemerkte, und sie zähneknirschend durchgewinkte. Kay erwischte die andere Frau und wurde von ihr ans Ende der inzwischen ganz langen Schlange geschickt. Das bemerkte Martina aber rechtzeitig und bat ganz freundlich darum, ihren Ehemann doch bitte auch mit einzuchecken. Hat geklappt, sie wollten es wohl nicht darauf ankommen lassen, mit Ausländern auch noch zu diskutieren. Die Zeit zwischen Ankunft und Abflug des Flugzeuges beträgt ja nur ungefähr eine halbe Stunde.

Der eigentliche Flug von Stansted nach Belfast dauerte weniger als eine Stunde mit EasyJet, gab auch keine Getränke (nur, wenn man extra bezahlte). Dann ging es weiter mit Zeit investieren, um Geld zu sparen. Wir hatten einen Mietwagen über Budget gebucht. Der irische Akzent fehlte noch in unserer Sammlung der schwer zu entschlüsselnden Akzente. Der gute Mann war aber sehr geduldig mit uns, außerdem gut trainiert. Er wollte uns so gern eine Versicherung extra verkaufen, damit wir nicht für jede Schramme, die wir oder die anderen hineinfahren werden, bezahlen müssten. Die wollten wir aber nicht haben, sondern lieber eine virtuelle Kaution von 1000 Pfund hinterlegen. Leider wollten Martinas zwei Kreditkarten genau das nicht mitmachen, die dritte war in London geblieben, Kays Kreditkarten durften nicht zum Einsatz kommen, weil er nicht Mieter des Fahrzeuges war. D… it! Die einzige Möglichkeit, den Mietwagen doch noch zu bekommen, bestand darin, die Versicherung gegen echtes Geld zu einem für uns schlechten Wechselkurs abzuschließen. Zähneknirschend wurden die notwendigen Unterschriften geleistet und endlich konnte es weitergehen. 

Das Auto sollte hinter der Hertz-Garage im Abschnitt B stehen. Nachdem wir eine halbe Stunde alle, wirklich alle, Nummernschilder auf dem riesigen Parkplazu im Bereich B angesehen hatten, und den Wagen nicht fanden, stellten wir fest, dass es den Buchstaben B auf roten Schildern, dort wir wir gesucht hatten, aber auch auf blauen Schildern gab. Dort waren wir nicht, dort war aber das Auto.  And than it was a keyless car! Unsere eigenen Autos sind so alt, die funktionieren noch mit Schlüsseln. Hier musste ein Knopf gedrückt werden. Alle Lampen gingen an, wir konnten das Navi programmieren, aber das Auto fuhr nicht los. Es dauerte noch ein Weilchen, bis wir herausfanden, wie stark man den Anlassknopf gedrückt halten mussten, um auch den Motor zu starten. Nach achteinhalb Stunden waren wir dann, bisher ohne Schrammen (obwohl es etwas gewöhnungsbedürftig ist, mit der linken Hand die Schaltung zu bedienen) an unserem Ziel, der Nordküste von Nordirland angekommen. Und die Sonne schien, wer hätte das gedacht!

Spaziergang durch Notting Hill

Und man stößt überall auf die Spuren des gleichnamigen Films mit Hugh Grant und Julia Roberts, den wir wahrscheinlich alle gesehen haben. Um es gleich vorweg zu nehmen, hier ist die einzige Location, die sowieso an unserem Weg lag. Wir wollten auf unserem Weg nicht den Film nachspielen.

die Fassade des book shops im Film


Notting Hill
ist ein spannender und abwechslungsreicher Stadtteil, von wunderbar renovierten Stadthäusern, dessen Bewohner wir nicht gesehen haben, nur deren Autos und Angestellte, bis hin zu Sozialbauwohnungen, deren Bewohner im Straßenbild sichtbar waren. Alles steht dicht beieinander und lebt anscheinend gut zusammen. Ganz anders als zu früheren Zeiten.

Im frühen 19. Jahrhundert begann die Expansion Londons nach Westen. Bis dahin war das Gebiet noch sehr ländlich. Die berühmte Portobello Road z.B. hat ihren Namen von der damals im Norden Notting Hills gelegenen Portobello Farm erhalten. Doch nicht nur Häuser für die aufstrebende Mittelschicht wurden dort gebaut. Auch die Schweinefarmer mussten weichen, da ihr Gebiet rund um Marble Arch bebaut wurde. Das neue Gebiet wurde piggeries genannt. In dem Slum betrug das Verhältnis von Schwein zu Mensch 1830 3:1. Das muss ein Gestank gewesen sein, unvorstellbar. Gleich daneben der nächste Slum hieß the potteries. Dort wurden aus dem schweren Lehmboden, der dort vorkam, Ziegel und Fliesen gebrannt. Ein letztes Überbleibsel davon ist dieser alte Brennofen:

one of the last remaining bottle kilns in London

Der schwere Boden war auch mit ein Grund dafür, dass die Pferderennstrecke (Hippodrome), die ein Investor mit dem Anspruch baute, sie größer als Ascot anzulegen, schon nach fünf Jahren aufgegeben werden musste. Die Vertiefungen in der Rennstrecke verfüllten sich immer wieder mit Wasser, und die Pferde erlitten schwere Verletzungen. Das Gelände wurde dann ebenfalls mit schönen Stadthäusern bebaut. Vom Hügel in der Mitte des Geländes sollten die Zuschauer sich die Rennen ansehen. Danach hat man darauf eine Kirche gebaut, St. John. Dort gab es eine Ausstellung zur Geschichte des Stadtteils mit all diesen interessanten Fakten. 

St. Johns Church, Notting Hill

Es ging eine sehr lange Zeit ins Land, bevor die Slums verschwanden, man nannte die Gegend auch Notting Dale (Tal). Es gab viele schwere Rassenunruhen in den 1950ern und 1960ern. Es war normal, an den Häusern, in denen Wohnungen zu vermieten waren, Schilder mit der Aufschrift „No blacks, dogs  or Irish“ zu sehen. Das gibt es glücklicherweise nicht mehr, und noch immer finden viele Immigranten ihren Weg nach Notting Hill, die dort auch bezahlbaren Wohnraum finden. Wir würden in den Wohnungen allerdings nicht leben wollen, der bauliche, energetische und auch sonstige Standard entspricht nicht im entferntesten dem im Deutschland. Aber in den Häusern, die wir schick fanden, könnten wir auch nicht wohnen, wie wir nach einem Blick auf die Anzeigen bei einem Immobilienmakler feststellen mussten.

eines dieser kleinen Scheibchen, früher Ställe, jetzt renoviert, geht für 2 Millionen Pfund über den Tisch
der riesige Trellick Tower im Hintergrund war früher einmal das Paradenegativbeispiel für innerstädische öffentliche Hochhausbebauung mit all den auftretenden Problemen. Inzwischen sind die meisten Wohnungen in Privatbesitz und können mehr als 300.000 Pfund kosten.

Nach dem einige Meilen langen Spaziergang ging es dann abends mit der UBahn wieder hinüber auf die südliche Themseseite, um noch einmal Shakespeare zu genießen. Diesmal gab es im Globe Theatre The Taming of the Shrew (Der Widerspenstigen Zähmung), wieder eine tolle Inszenierung mit großartiger Interaktion zwischen den Schauspielern auf der Bühne, den Zuschauern vor der Bühne und den Musikern über der Bühne. Das Stück selbst war nicht so leicht zugänglich, Frauen an heiratswillige Männer meistbietend zu verschachern ist nicht so up-to-date, allerdings waren genügend komische Szenen vorhanden, um unsere müden Füße zwischendurch zu vergessen.

so schön ist es abends im Hof